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Wiederitzsch

Elke Lieberam und Ursula Wohlfeld: Familienbuch für die Gemeinde Wiederitzsch bei Leipzig 1554 – 1800. Leipzig 1996. Schriften der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig. Band 14. 48,- DM.

Hinweis: Dieses Buch wurde zusammen mit den Familienbüchern Brambach, Lampertswalde und Markersbach (2) besprochen.


Mit vier weiteren Ortsfamilienbüchern wird die Reihe "Schriften der Deutschen Zentralstelle für Genealogie" fortgesetzt. Die Bände sind in der bewährten Ordnung der anderen bereits erschienenen Ortsfamilienbücher aufgebaut und werden durch umfangreiche Register erschlossen (vgl. dazu Rez. in den Heften 11, 16 u. 19 unserer Zs.). Wenn man bedenkt, daß die persönliche Forschung vor Ort in den Pfarrämtern oft mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand verbunden und daß der Familiengeschichtsforscher aus Gründen, denen man sich nicht verschließen kann, meist kein gern gesehener Besucher ist (schließlich ist der Zeitaufwand in Pfarreien ohne Verwaltungskraft für den Pfarrer bei strikter Einhaltung der KB-Benutzerordnung zumindest in Sachsen oft erheblich), dann sind die Ausgaben für ein solches Ortsfamilienbuch eher gering einzuschätzen.

Das Ortsfamilienbuch Markersbach mit Mittweida und Unterscheibe ist das umfangreichste mit immerhin 406 Seiten. Knapp 3000 Familien werden erfaßt. Markersbach ist als Ort besonders interessant wegen der Hammerwerke, die hier im Tal errichtet wurden. Entsprechend findet man zahlreiche Personen, die entweder als Besitzer der Hammerwerke (Hammerherren bzw. Hammermeister) oder als Hammerschmiede (auch Berg-, Blech-, Herd-, Nagel-, Waffen-, Stab-, Zain- oder Zirkelschmied) tätig waren. Gerade für Nachfahren von Hammerschmiedefamilien ist solch ein Ortsfamilienbuch eine Fundgrube, zogen diese Schmiede doch häufig von Hammer zu Hammer und sind deshalb für Genealogen schwer zu erforschen. Ähnliches trifft auch die in den Hammerwerken Tätigen bzw. auch auf vom Hammerwerk Abhängige, wie Kohlenbrenner (Köhler), Kohlmesser, Hochofenmeister u. -arbeiter, Eisengießer, Eisenhändler, Eisenschmelzer zu. Markersbach ist ein hervorragendes Beispiel für die soziale Struktur eines frühen Industriestandortes.

Durch die Vorarbeit von Waldus Nestler, der bemüht war, alle einschlägigen Akten auszuwerten, findet der Familiengeschichtsforscher manchen Hinweis auf Herkunftsort, Besitz und Familie, Todesursache bzw. -umstände u.a., z. T. Erstaunliches, wie beispielsweise den Zusatz zu einem Taufeintrag, wo es heißt: "den 22. Novemb hat Barbara Pflegerin Vidua in der nacht Umb 12 eine tochter gebohren Und aus gesagt, daß sie zu Kritzlas Von einem Mann, Welcher Auff einem Schlitten geseßen Und ab gestiegen, sie mit gewalt in den Schnee gedruckt Und geschwengert".

Wiederitzsch, im Norden von Leipzig gelegen, war dagegen ein reines Bauerndorf. Verständlicherweise waren die Beziehungen zu Leipzig sehr eng. Wiederholt wurden Leipziger Brautleute hier getraut, wie z. B. 1794 der Registrator beim Handelsgericht in Leipzig, Johann Gottfried Arnold, mit der ältesten Tochter des Merseburger Kauf- und Handelsmanns Joh. Gottfried Nohr oder wie der "Procurator des Gymnasiums zu Merseburg und Probsteiverwalter des Domcapitals" Christian August Roth mit der Tochter des Goldarbeiters Gotthelf Heinrich Sonnenkalb in Leipzig. Die Einsicht in diesen Band lohnt sich auch dann, wenn der Genealoge keinen seiner Vorfahren in Wiederitzsch weiß.

Auch unter den Taufpaten, die im Band in einer gesonderten Liste alphabetisch erfaßt sind, befinden sich zahlreiche Leipziger Bürger. Es ist überhaupt erstaunlich, wie "weltoffen" dieses kleine Dorf war. Das Ortsverzeichnis umfaßt über 400 Orte der näheren und weiteren Umgebung.

Einen anderen Charakter hat Lampertswalde, ein Dorf zwischen Dahlen und Oschatz, mit einem Rittergut und knapp 50, z. T. nur ¼ Hufe umfassenden Bauernwirtschaften. Das Familienbuch behandelt die Zeit von 1645 - 1800 und bringt Informationen zu knapp 1000 Familien. An diesem Familienbuch faszinieren die umfangreichen Texte zu vielen Familien mit Angaben zur Person, zu Beruf bzw. Erwerb, zum Verkauf und Verkauf von Immobilien mit Kaufsumme, Anzahlung, Abzahlung usw. In einem Anhang werden die Besitzerfolgen aller Bauerngüter genannt. Das Buch kann in der Ausführlichkeit der Angaben zu den Familien als vorbildlich gelten.

Das Ortsfamilienbuch Brambach wiederum ist ein schönes Beispiel für einen Ort, der durch seine Grenznähe determiniert ist. Für die Zeit von 1587 - 1722 werden reichlich 1700 Familien, relativ kurz, behandelt. Das Ortsregister manifestiert das Besondere des Ortes: es umfaßt 280 Orte, davon viele von der böhmischen Seite, besonders den Ort Fleißen, unmittelbar hinter der Grenze gelegen, für den kirchlich Brambach zuständig war, und solche aus der Umgebung von Asch. Es ist ein Durchgangsort, viele Familien haben sich nur kurz hier aufgehalten, sind häufig nur durch einen einzigen Eintrag im Kirchenbuch in Erscheinung getreten. Eine Reihe von Berufen sind durch die Schloßherrschaft (v. Schirnding) bestimmt.

Vier Ortsfamilienbücher, vier Orte mit ganz unterschiedlicher sozialer Struktur, Lehrbeispiele für die historische Soziologie. Hoffen wir, daß es der DZfG auch weiterhin gelingt, diese beispielhafte Reihe fortzusetzen.

Wolfgang Lorenz, in Familie und Geschichte 7. Jahrgang, Heft 3 (1997) S. 523-524

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