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Beide Mülsen, gelegen im Südwesten Sachsens, bildeten im bearbeiteten Zeitraum eine kirchliche Doppelgemeinde, für die nun ein außerordentlich preiswertes Ortsfamilienbuch vorliegt, das auf den ersten Blick in Inhalt und Ausstattung allen Anforderungen gerecht zu werden scheint. Aus der Sicht des Fachhistorikers blieben dennoch einigeWünsche offen, die inzwischen beim Ortsfamilienbuch Dorfhain erfüllt worden sind. Dieses Buch besticht im Familienteil durch den Übergang zum zweispaltigen Druck auch mit einem sehr gelungenen Druckbild.
Mit Blaschkes «Bevölkerungsgeschichte von Sachsen bis zur industriellen Revolution» (1967) und darauf aufbauend «Bevölkerung und soziale Mobilität: Sachsen 1550–1880» (1993) vom Rezensenten liegen zur Bevölkerungs- und Sozialgeschichte Sachsens lange Zeitreihen von Daten vor, wie sie kein zweiter Flächenstaat in dieser Art und Detailliertheit vorweisen kann. Die Vertiefung der empirischen Forschung schien nach 1990 in der Richtung möglich, dass man aus den bereits damals für Sachsen bekannten familienweisen Kirchenbuchverkartungen in rund 100 Kirchgemeinden geschichtete Stichproben ziehen würde und auf dieser Grundlage ab 1550 eine Bevölkerungs-, Sozial- und Wirtschaftsstatistik aufstellen könnte, von der eine kurfürstliche Staatsverwaltung nicht einmal geträumt hat.
Eine solche Zielstellung war jedoch 1991 noch unrealistisch, da die Quellen auf die einzelnen Pfarrarchive verstreut waren und eine Stichprobenerhebung am jeweiligen Ort einen unbezahlbaren Aufwand verursacht hätte. Für die langfristige Erreichung des Forschungsziels war und ist es deshalb notwendig, die vorhandenen familienweisen Karteien undManuskripte an einer Stelle zu sammeln, Unikate zu kopieren und nach Möglichkeit zu edieren und damit die Familiengeschichts- und Heimatforscher zur Arbeit an weiteren Ortsfamilienbüchern und ihrer Drucklegung anzuregen, dabei gleichzeitig immer wieder ihre Qualität anmahnend. Die Ortsfamilienbücher Mülsen und Dorfhain beweisen, dass dieses Vorhaben auf dem richtigen Weg ist. In der 1997 gestarteten Reihe «Mitteldeutsche Ortsfamilienbücher der AMF» (Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienkunde) ist 2009 Band 49 erschienen, weitere Arbeiten in anderen Reihen. Die Gesamtzahl dürfte für Sachsen (im größeren historischen Verständnis) inzwischen rund 200 betragen (darunter auch die Städte Kirchberg und Zwönitz mit Nachbargemeinden), davon aber die Hälfte noch ungedruckt. Eine wissenschaftliche Verwendbarkeit dieser Sekundärquellen setzt voraus, dass sie aus den Primärquellen möglichst fehlerfrei erarbeitet worden sind. In Tauschers Buch ist zwar bei zahlreichen Personen etwas über «Beruf » und «Erbkauf» zu finden, inwieweit – über die Kirchenbücher hinaus – die Quellen aber systematisch ausgewertet worden sind, darüber erfährt man leider nichts. Offen bleibt auch, ob Steuerlisten und die im Pfarrarchiv vorhandenen handgeschriebenen Leichenpredigten die Charakterisierung derjenigen Männer zulassen könnte, die bisher ohne Berufs- und Standesangabe geblieben sind.
Das Familienbuch Dorfhain hingegen beruht auf einer Totalauswertung aller Quellen dieses Ortes am Südostrand des Tharandter Waldes und zwar mit einer solchen Gründlichkeit, wie sie bisher noch keine zweite sächsische Gemeinde aufweisen kann. In seinem Ruhestand hatte 1983 der Pfarrer der Gemeinde Dr. Helmut Petzold die Chronik «Dorfhain in Sachsen. Das Dorf und seine Bewohner» vollendet, ein maschinengeschriebenes Manuskript von so monumentalem Umfang, dass es sich bisher einer Drucklegung entzogen hat und nur im Staatsarchiv Dresden eingesehen werden kann. Als Ergänzungen dieser Chronik verfasste Petzold ein «Dorfbuch », bestehend aus einem Familienbuch (das nun von Scharf und Wacker ediert worden ist) und einem Güter- und Häuserbuch. Das Manuskript des letzteren (angeblich im Gemeindearchiv hinterlegt) ist leider verschollen. Diese Tatsache ist auch der einzige, aber schwerwiegende Wermutstropfen des Dorfhainer Familienbuches. Denn was nützen nun alle diese genauen Angaben mit Jahr des Besitzerwechsels und Grundstücksnummer, wenn dazu heute die Grundstücksliste mit der Größe der Güter und ihren jeweiligen Kaufpreisen fehlt, über die Petzold verfügt hat? Ein Historiker, der auf der Grundlage der Computerdatei dieses Familienbuches mit einer beispielhaften Arbeit promovieren möchte, muss entweder das verschollene Manuskript finden oder es erneut erarbeiten.
Als der Bauer Friedrich Schrienert 1908 in Quedlinburg die «Ditfurter Familien- Chronik» als eines der ersten Ortsfamilienbücher drucken ließ, konnte noch niemand ahnen, dass ein Jahrhundert später für den historischen deutschen Sprachraum rund 2000 derartige Bücher vorliegen würden. Manche Gegenden in Baden-Württemberg, Ostfriesland und dem Saarland sind bereits fast flächendeckend bearbeitet. Aus bekannten Gründen stockte in Sachsen die Drucklegung solcher Bücher von 1940 bis 1990 fast vollständig, obwohl die familienweise Verkartung in diesen Jahrzehnten auch bei uns weitergegangen war. Zahlreiche bekannte Heimatforscher haben sich und ihrer Herkunftsoder Wohngemeinde im Stillen ein Denkmal gesetzt, indem sie die Daten der Kirchenbücher und anderer Quellen familienweise ordneten, nur als Kartei oder bis zum ausgereiften Manuskript, wie Helmut Petzold.
Wer heute ein gutes Ortsfamilienbuch verfassen will, der sollte sich darauf langfristig vorbereiten. Die Quellen müssen ihm mit vertretbarem Aufwand zugänglich sein, und er muss die Kanzlei-, Kurrent- und Sütterlin-Schrift lesen können, sofern er nicht eine bereits vor44 handene Familienkartei edieren will. Keiner trägt heute die Daten mehr auf Karteikarten ein, sondern sofort in eine Eingabemaske in den Computer. Ein Ortsfamilienbuchprogramm verwaltet dann die Daten bis hin zum druckreifen Buch. Im Falle der beiden hier besprochenen Bücher kam das ausgereifte Programm Gen_Plus von Gisbert Berwe zur Anwendung.
Bücher, in denen altansässige Einwohner ihre eigenen Großeltern wiederfinden, wie Dorfhain und Schönberg bei Bad Brambach (bearbeitet für den Zeitraum 1620–1940) werden am jeweiligen Ort in beträchtlicher Stückzahl gekauft; für Ortsfamilienbücher, deren Bearbeitung früher abbricht, wie Mülsen, sind Familiengeschichtsforscher die Hauptinteressenten. Aber abgesehen vom Verkaufserfolg, schlägt jedes gute neu bearbeitete Ortsfamilienbuch eine Brücke zwischen hochwertiger Heimatgeschichtsforschung und Fachwissenschaft.
Beide Veröffentlichungen können beim Cardamina-Verlag, Pielau 2, 56575 Weißenthurm oder unter kontakt (at) cardamina.de bestellt werden.
Volkmar Weiss, Leipzig, in: Landesverein Sächsischer Heimatschutz · Mitteilungen 2/2010, S 43.