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Wer kennt es nicht, das Lied: „Auf der Festung Königstein muß doch auch ein Bäcker sein … ?“ Man kann dann alle Berufe einsetzen und einen lustigen Reim darauf dichten. Aber welche Berufe es wirklich gab, das erfahren wir erst jetzt durch das Berufsregister dieses Ortsfamilienbuches der Stadt und Festung Königstein. Zahlreiche Schiffburschen, Schiffhandelsmänner, Schiffhändler, Schiffmänner und Schiffsknechte – die lebten natürlich in der Stadt an der Elbe, die Steinbrecher in den zur Kirchgemeinde gehörigen 13 Dörfern; die Soldaten und Obristen hingegen auf der Festung. Also sozialstrukturell eine sehr ungewöhnliche Kirchgemeinde!
Quelle der Arbeit war allein das erste Kirchenbuch. Eine Ergänzung der Angaben durch die Daten in den Gerichtshandelsbüchern, wodurch ein Ortsfamilienbuch der zweiten Generation (wie bei Dorfhain) entstünde, das wäre die nächste mögliche Bearbeitungsstufe.
Wie bei den von Thomas Wacker im Cardamina-Verlag herausgegebenen Ortsfamilienbüchern inzwischen schon gewohnt, besticht das sehr preiswerte Buch im A4-Format durch zweispaltigen Druck des Familienteils, durch die Variation der Schriftgröße, durch zweckmäßige Abkürzungen und sachgerechte Registergestaltung. Zur Anwendung kam erneut eine verbesserte Ortsfamilienbücher-Version des Programms Gen_Plus von Gisbert Berwe.
Auf einer angefügten Seite am Schluß wirbt der Verlag für die bereits bei ihm erschienenen sächsischen Ortsfamilienbücher Oberwiesa, Dorfhain, Mülsen St. Niclas und St. Jacob, Markersbach und Schkeitbar bei Lützen 1589-1700 (damals ja auch zu Sachsen gehörend).
In der Einleitung schreibt Thomas Wacker: „Besonders möchte ich Herrn Dr. Volkmar Weiss für die Kontaktherstellung mit Herrn Böhme bedanken.“ Wenn man das liest, freut man sich doch, und es ist für mich an dieser Stelle Anlaß zu einigen Anmerkungen grundsätzlicher Art.
Es dürften nämlich im deutschen Sprachraum seit 1990 rund 100 Ortsfamilienbücher entstanden sein, die nicht auch in gedruckter Form vorlägen, wenn ich nicht auf die eine oder andere Weise im Hintergrund die Fäden gezogen hätte. Zwar habe ich nur ein einziges OFB selbst verfaßt (Zschocken), jedoch wurden von mir ab 1991 mehrere Autoren in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie beschäftigt, die im Rahmen von ABM acht OFB anfertigten, denen für Sachsen eine Startfunktion zukommen sollte. Im Raum Zwönitz wurde eifrig gearbeitet (leider gibt von diesen Büchern bis heute keine Kaufexemplare), für den Start der OFB-Reihe der Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienkunde warb ich Geld ein (und die bisher über 50 Bände dieser Reihe sind bei den 100 nicht mitgezählt) und beriet und ermutigte Verfasser und brachte sie mit Quellen, Programmierern und Verlagen in Kontakt, nicht nur in Mitteldeutschland, sondern bis hinunter ins Markgräflerland, für Siebenbürgen und Ostpreußen. Hintergrund meiner Bemühungen war und ist die Vision einer Sozial-, Wirtschafts- und Bevölkerungsgeschichte des historischen deutschen Siedlungsraumes auf der Grundlage von repräsentativen Stichproben aus Ortsfamilienbüchern.
Durch die eigene private Familiengeschichtsforschung vor 1990 und aus verschiedenen Quellen waren mir allein in Sachsen die Standorte von rund 100 familienweisen Verkartungen und Manuskripten für OFB bekannt. Die meisten befanden sich in den Pfarrarchiven. 1991 begann ich eine intensive Reisetätigkeit, um diese Quellen auszuleihen und in Leipzig kopieren zu lassen. Eine gebundene Kopie erhielt stets auch die jeweilige Kirchgemeinde. Bis 1996 gelang das in Sachsen bei etwa der Hälfte der bekannten Arbeiten, darüber hinaus auch bei noch mehr Arbeiten in Thüringen, Sachsen-Anhalt, im Sudetenland, ja selbst in Niederösterreich und anderswo.
Das Einwerben der Geldmittel, um diese Fahrten, die Arbeitskräfte, die Kopiergeräte und die Buchbindearbeiten zu finanzieren, wäre eine Geschichte für sich. Beim Aufspüren der Quellen erlebte ich manches Abenteuer. Über Pferdsdorf bei Eisenach lag z. B. von 1940 eine Mitteilung vor, daß das Manuskript eines Dorfsippenbuches druckreif vorläge. Das Pfarramt selbst war schon lange nicht mehr besetzt, und keiner wußte etwas von diesem Manuskript. Als ich mich wieder einmal bei meinen Fahrten bei Eisenach befand, steuerte ich das Pfarramt noch einmal an. Ich traf zufällig eine alte Frau an, die die Schlüssel zum Dachboden des Pfarramts hatte. Ich konnte sie dazu bewegen, mit mir gemeinsam auf dem Dachboden nach dem Manuskript oder der Familienkartei zu suchen. Wir wurden in einem alten Schrank fündig. Ich präsentierte dann mit wortreichen Entschuldigungen für meine Eigenmächtigkeit das Manuskript dem zuständigen Pfarrer in der Nachbargemeinde, der eine Vereinbarung über Ausleihe des Manuskripts und Übergabe einer gebunden Kopie bei der Rückgabe unterschrieb. So etwas wurde von mir stets an Ort und Stelle geklärt, ohne Rückfrage bei irgendeiner zentralen Behörde. Nur so kann man erfolgreich sein. 1996 mußte ich leider diese sehr erfolgreiche Quellensicherung einstellen, da die vorgesetzte Landesbehörde fortan die weitere Unterstützung für derartige Fahrten und Kopien versagte. Es befinden sich deshalb heute noch zahlreiche Karteien und Manuskripte in den Pfarrämtern Mitteldeutschlands, als Unikate und ungesichert. Mangels Sachverstand muß man befürchten, daß die Karteien durcheinandergeworfen werden und von Vernichtung bedroht sind. Ich selbst habe z. B. in Mülsen St. Micheln im Pfarramt um 1980 noch eine Familienkartei benutzt, die 1992 nach einer Renovierung des gesamten Hauses nicht mehr auffindbar war. Wer selbst einmal eine familienweise Verkartung einer Kirchgemeinde durchgeführt hat, weiß, welcher Arbeitsaufwand damit zunichte gemacht worden ist.
So sind mir persönlich noch familienweise Verkartungen bekannt in den Pfarrämtern Bärenwalde bei Kirchberg/Sachsen, in Carlsfeld und in Claußnitz nördlich Chemnitz – nur um einmal einige Ortsnamen zu nennen – die von sehr sachkundigen Heimatforschern angefertigt worden sind, die dringend der Sicherung und der Weiterverarbeitung zu OFB bedürfen. Auch in der Leipziger Zentralstelle befinden sich noch Dutzende Arbeiten in Form von Karteikartenkopien in Buchform (von denen auch Belegexemplare den Landesbibliotheken in Halle/Saale und Dresden übergeben worden sind, wo man sie auch ausleihen kann), die der Weiterverarbeitung durch die Genealogen zu richtigen gedruckten OFB harren, so wie es sich Thomas Wacker mit seiner Buchreihe ‚Ortsfamilienbücher Mitteldeutschlands’ als Ziel gestellt hat.
Wer seiner Heimat und sich ein Denkmal setzen will, dem steht als Familiengeschichtsforscher in Mitteldeutschland noch ein weites Betätigungsfeld offen. Von dem Arbeitsstand des Saarlandes oder Ostfrieslands, wo für die Mehrzahl der Gemeinden bereits ein gedrucktes OFB vorliegt und die Vereine systematisch die Bearbeiter ansetzen, um die bestehenden Lücken auszufüllen, von einer solchen Situation sind wir, weil von 1940 bis 1990 bei uns ja kaum solche Bücher gedruckt werden konnten, in Mitteldeutschland noch weit entfernt.
Volkmar Weiss, Leipzig; in: Familie und Geschichte 20. Jg. (2011) 334-335