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Keine Artikel verfügbarIm Sommer 1981 verfaßte der Rezensent eine Art Aufruf an zahlreiche politische und Kirchgemeinden, die in großzügiger Weise zur Verfügung stehenden ABM-Mittel auch dazu zu benutzen, Ortsfamilienbücher zu verfassen, um nicht nur teilweise hochqualifizierten Arbeitslosen einen Lebensinhalt zu geben, sondern auch die Geschichtsforschung voranzubringen. Beispielgebende Arbeiten dieses Inhalts waren zu diesem Zeitpunkt in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig bereits in vollem Gange.
Zu den wenigen, die im Lande reagierten, gehörte der damals parteilose Bürgermeister von Zwönitz, Uwe Schneider, bis 1990 Hobby-Genealoge, der bereits das älteste Trauregister (1589-1629) und das älteste Gerichtsbuch von Zwönitz (1501-1554) selbst verzettelt hatte. In dem in allen fünf Bänden sehr ähnlichen Vorwort schreibt er selbst: "Mit den Ortsfamilienbüchern von Zwönitz und seinen Dörfern liegt vor Ihnen eine umfangreiche genealogische Arbeit aus den Jahren 1992-1999. Sie ist das Ergebnis einer sorgfältigen und wissenschaftlichen Herangehensweise von gestandenen Hobbygenealogen und 'unbeleckten Laien‘, deren Interesse für die Familienforschung erst mit der Aufnahme einer ABM-Tätigkeit geweckt wurde. Überhaupt wäre diese aufwendige Arbeit ohne großzügige Förderung der Arbeitsämter Aue und Stollberg nicht möglich gewesen. Für immerhin 15 Frauen und Männer bedeutet die Forschung in Kirchen- und Gerichtsbüchern einen zeitweiligen Ausstieg aus der Hoffnungslosigkeit und dem Ernst des Arbeitslodendaseins. ... Hunderte Meter Mikrofilm von Gerichtsbüchern und Steuerlisten mußten von Frauen, denen das Lesen der alten Texte erst mit der Übernahme ihrer ABM-Tätigkeit gelehrt werden mußte, in das heutige Schriftdeutsch übersetzt werden." Dann folgen die Namen der Mitarbeiter, von denen noch einmal Wolfgang Schnell "für sein fachliches Können und seinen Einsatz" besonders gedankt wird. Uwe Schneider dankt auch mit Namensnennung all denen, die ihm im Mittleren Erzgebirge in der Familiengeschichtsforschung vorangegangen sind bzw. mit denen er sich vor und nach 1990 austauschen konnte.
Bei den vorgelegten fünf Bänden (Niederzwönitz ist noch in Arbeit und weitere sollen folgen) handelt es sich nicht um Drucke, die jedermann kaufen kann, sondern um Sicherheitskopien eines lasergedrucken Originals in tadelloser buchbinderischer Qualität. Kopien der Arbeit befinden sich im jeweiligen Kirchenarchiv, in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig und im Archiv des Adam-Ries-Bundes in Annaberg-Buchholz. Die Auskunftserteilung aus den Büchern erfolgt jedoch, so lautet ein Vertrag mit den Kirchgemeinden, nur durch die Kirchgemeinden, die sich die "Auskunft aus den Familienblättern" vorbehalten haben.
Da die vorgelegte Arbeit aber bereits ein druckreifes Manuskript ist, das eine andere Qualität als eine Kartei von Familienblättern hat, dürfte einer späteren Drucklegung oder Übernahme der Daten in Datenbanken nichts im Wege stehen, zumal die Landeskirche früher eine mit dem Staat verbundene Kirche war, deren historische Daten damit Allgemeingut sind. In Deutschland sind ja inzwischen mehr als 1500 gedruckte Ortsfamilienbücher erschienen, davon auch eine wachsende Zahl im mitteldeutschen Raum (siehe dazu: Weiss, Volkmar: Neuerscheinungen bei Ortsfamilienbüchern und Häuserchroniken von Herbst 1998 bis Frühjahr 2000 [mit Nachträgen]. Genealogie 49. Jg. (2000) 387-406).
In Hinblick auf eine spätere Drucklegung folgen an dieser Stelle die kritischen Anmerkungen, die nun einmal Aufgabe eines Rezensenten sind: Buchtitel ohne Verfasser und Herausgeber, Erscheinungsort und -jahr haben bibliographisch ihre Tücken. Es wäre keinesfalls unbescheiden, wenn der hochangesehene Bürgermeister der Stadt Zwönitz Uwe Schneider (der in einer freien und geheimen Wahl bei seiner Wiederwahl mehr als 99% der Stimmen erhielt!) als Herausgeber genannt würde, Wolfgang Schnell vielleicht bei jedem Band als Erstautor, gefolgt von den Namen der jeweils anderen ein oder zwei wichtigsten Mitarbeiter (und mit Dank an die anderen im Vorwort). - Zum Hauptteil, dem Familienteil, läßt sich fast nur Positives sagen. Eine Stichprobe mit den Daten der eigenen Vorfahren des Rezensenten (von denen einige in Zwönitz und seinen Nachbardörfern wohnten: siehe AL 11414 der Leipziger Zentralstelle) ergab weitestgehende Übereinstimmung und wenige Ergänzungen, die die Arbeitsgruppe durch ihre sorgfälftige Arbeit beitragen konnte. Wer Daten aus so einer frühen Zeit kennt, weiß, daß es in jeder derartigen Arbeit Fälle gibt, die nicht eindeutig zugeordnet werden können. Deshalb stehen auch im Text hie und da Fragezeichen; in den anderen Fällen sollte man der Arbeitsgruppe, die sich gegenseitig bei allen Arbeitsschritten kontrolliert hat, vertrauen. Bei den Angaben aus Steuerlisten und Gerichtshandelsbüchern hätte man gern die Größenordnung der Gelder gewußt, da sich daraus sehr viele über die soziale Stellung ableiten läßt. Für Zwönitz selbst wird das Familienbuch noch durch ein Häuserbuch ergänzt werden, in dem man diese noch fehlenden Angaben finden sollte. Erst mit diesen Daten kann man von einem Ortsfamilienbuch der II. Generation sprechen (im Unterschied zu Büchern der I. Generation, in die nur die Daten der Kirchenbücher eingearbeitet worden sind).
Probleme gibt es bei den Registern, die deshalb in Hinblick auf eine Drucklegung noch einmal durchdacht und überarbeitet werden sollten. Ein Teil der Personen der Kirchgemeinde Zwönitz wechselt zwischen der Stadt Zwönitz und den zur Kirchgemeinde gehörenden Dörfern Kühnhaide, Lenkersdorf und Dittersdorf und konnte vielleicht auch nicht immer eindeutig zugeordnet werden. Ein Gesamtregister für das Gesamtwerk, zumindest aber für die Kirchgemeinde Zwönitz, wäre zum Schluß sehr hilfreich. Bei den vorliegenden Bänden ist ein Ortsregister nachgestellt, das vollen Namen und Familiennummer enthält. Wo sucht man aber Personen (darunter auch nach Zwönitz einheiratende Frauen), deren Herkunftsort man nicht kennt? Für diese Personen fehlt ein zusätzliches alphabetisches Register der nicht im alphabetisch geordneten Familienteil fett gedrucken Personen.
Es dürfte nur wenige Gemeinden in der Welt geben, in denen für die Frühe Neuzeit ein derart gründlich aufgearbeitetes Datenmaterial vorliegt. Man kann nun wetten, bis es den Fachhistorikern auffallen wird, daß es in Sachsen, in Zwönitz und in Kirchberg und ihrem Umland Vorarbeiten gibt, an die sich beispielhafte Forschungen in Sozial-, Wirtschafts- und Bevölkerungsgeschichte anschließen lassen. Wir Genealogen haben erst einmal unsere eigene Freude an dieser Arbeit, und wir wünschen Uwe Schneider von Herzen noch einmal Erfolg bei der nächsten anstehenden Bürgermeisterwahl.
Volkmar Weiss, in Familie und Geschichte 10. Jahrgang, Heft 1 (2001) S. 47-48