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Diedenbergen

Wolfgang Gabriel, Diedenbergen, ein Ort im Ländchen. Ortsfamilienbuch von 1640 bis 1900, Plaidt: Cardamina 2014, 4°, geb., X, 638 S. ISBN 978-3-86424-135-2.

Dieses vorzüglich gearbeitete und ansprechend gestaltete Ortsfamilienbuch ist zugleich eine Bevölkerungsgeschichte von Diedenbergen und dem hessen-darmstädtischen "Ländchen" um Wallau, eine von Kurmainz und Nassau-Usingen umschlossene Exklave nördlich von Hochheim am Main. Außer Diedenbergen gehörten noch die Nachbarorte Massenheim, Delkenheim, Nordenstadt, Igstadt, Medenbach und Wildsachsen zum Amt Wallau. Diese Orte kommen im OFB Diedenbergen daher auch recht häufig vor. Unter den ersten Familien, die in Diedenbergen heute noch bekannt sind, ist die Familie Diedrich. Für 1630 verzeichnet ein Hausbuch der Herrschaft Eppstein 39 männliche Personen, 4 Witwen, 4 Vormundschaften, darunter Unterschultheiß, Feldwebel, Ausschuß, Glöckner, Zöller 17 Fron-Bauern und 18 leibeigene Bauern. In der Tab. B 3 werden nach Sal- und Gerichtsbuch die Einwohner der Jahre 1570 bis 1600 namentlich aufgelistet. 1635 wurde das Dorf von den Mansfeldischen Soldaten zum zweiten Mal gebrandschatzt. Auch in den Nachbardörfern blieb bis 1640 keine Kirche heil, keine Akte übrig, kaum kein Haus stehen, kaum jemand am Leben. Aber Anna Elisabetha Georg, geb. Hirtzberger (1625-1711) überlebte das Inferno und gehört daher zu den "Stammmüttern" von Diedenbergen nach 1640. Der Verf. hat auch Stammmütter behandelt. Anna Elisabeth Hirtzbergers Mutter Margaretha (1589-1661), geb. Gieß/Giesges, hatte noch zwei Töchter mit Nachkommen Mauer in Eppstein und Beuerbach in Idstein, die zu weiteren Forschungen anregen. Über zehn Generationen können in Diedenbergen 154 weibliche Nachkommen der A. E. Hirtzberger gezählt werden. Den zweitgrößten Mutterstamm in Diedenbergen bildete Anna Margaretha Finck, geb. Kleber (1643-1708) mit 89 weiblichen Nachkommen in diesem OFB.

Die Stammväter behandelt der Verf. in dem Kapitel "Genealogische Porträts der Familien". Hier werden mit Zuwanderungsjahr nach Diedenbergen behandelt: die alteingesessenen Familien Diedrich/Dietrich, Großmann, Koch und Weber. Neu hinzu kamen 1638 Kleber (die zahlenmäßig größte Familie, die lange das Schultheißenamt inne hatte), 1639 Georg/Görg (Herkunft noch zu ermitteln), 1639 Hamann (aus Massenheim), um 1639 Pomarius (Schulmeisterfamilie in Sachsenhausen), um 1640 Nieß, um 1640 Diefenbach/Dieffenbach/Tiefenbach (aus Reichenbach in der Pfalz, 1806 nochmals aus Medenbach), nach 1649 Pflug (aus Igstadt), 1656/67 Freudt/Freud/Freund (aus Massenheim), 1663 Melchior, 1669 Müller (aus Igstadt), um 1675 Preuß (aus Massenheim), 1676 Kahl (aus Massenheim), 1678 Kettenbach (aus Massenheim), 1680 Finck (aus dem Vogelsberg), 1683 Seitz/Seyds/Seids (Johannes aus Heuchelheim), 1684 Heller (aus Nordenstadt), 1685 Harf/Harff/Harpf (aus Idstein), 1699 Klüß (Lehrer, aus Grabow in Mecklenburg), 1702 Küster (aus Goddelsheim bei Kassel), 1705 Rohr (Joh. Gerhard Rohr war der uneheliche Sohn der Diedenbergerin Anna Margaretha Kleber und des Idsteiner Oberforstmeisters von Rohr), 1717 Caspari (aus Delkenheim), 1745 u.ö. 3 mal Groß, ca. 1740 Köhler (mglw. aus Ebergöns), 1750 Fein (aus Wallau), 1764 Schmidt/Schmitt (Schneidermeister Johannes Sch. aus Lorsbach), ca. 1770 Müller (aus Raunheim), 1778 Keim (Schullehrer, aus Langen), um 1784 Dern/Dörn/Dörrn, 1787 Kräckmann/Greckmann (Müllerfamilie), 1796 Fischer (aus Wallau), um 1810/1815 Milch (aus Breckenheim), 1811 Stemmler (aus Breckenheim), 1831 Schwartz (aus Breckenheim), um 1835 Aport. In einer speziellen Liste werden die zuwandernden Familien nochmals aufgeführt. 1813 gab es die ersten konfessionsverschiedenen Ehen (Fein/Altenkirch und Koch/Schlott). Seit dem Beginn des 19. Jahrhundert gab es durchaus auch jüdische und katholische Einwohner in Diedenbergen.

Die jüdischen Einwohner werden gesondert behandel. Unter den jüdischen Familien tritt zunächst Lazarus Gottschalk (1756-1811) mit seiner Familie auf. Seine beiden Söhne waren Gottschalk Kahn (1793-1867) und Meyer Kahn (1796-1853). Eine Schwester von diesen beiden wird Golda Lazarus gewesen sein, die 1827 den Straußenwirt in Schönberg (bei Bensheim) Jesel Meier/Mayer heiratete. Golda wurde im Februar 1841 auf dem Alsbacher Friedhof begraben. Von den Diedenberger Enkeln gründen Eleaser Kahn (1834-1905), Joseph Kahn in den USA, Raphael Kahn, Simon Kahn, Wolf Kahn und Hermann Kahn eigene Familien mit Nachkommen. Schon bald nach 1900 zogen alle Nachkommen der Familie Kahn aus Diedenbergen fort. Monica Kingreen nennt in "Die gewaltsame Verschleppung der Juden aus den Dörfern des Regierungsbezirks Wiesbaden (1942-1945)" (in: Nassau. Annalen 114, 2003, S. 335) Theodor Cohn und Berta Cohn, die aus Laboe bzw. Hofgeismar stammten und aus Diedenbergen 1942 deportiert und ermordet wurden.

Detailliert werden die Auswirkungen der Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts auf die Bevölkerung im Ort beschrieben. Dabei werden stets die Eintragungen in den Kirchenbüchern der Nachbarorte berücksichtigt. Für die Zeit bis 1814 werden alle bekannten Soldaten aus Diedenbergen mit ihren Karrieren alphabetisch aufgeführt. Wurde zunächst das Hessen-Darmstädtische Militär gewählt, so zogen die Diedenberger in der Napoleonischen Zeit eher in Nassauische Dienste. Ausführlicher werden auch die Auswandererfamilien mit Beispielen von Schicksalen in Amerika behandelt. Berufen und der Dorfverwaltung (z.B. der Kastenmeister) sind Kapitel gewidmet.

Unter Nr. 567 wird Georg Philipp Keim (1804-1888) genannt und als Beruf "Dichter und Zeitungssänger" angegeben. Für alle, die sich über diesen Beruf und Philipp Keim näher informieren möchten, wäre ein Hinweis auf Michael Sachs - Der nassauische Zeitungssänger Philipp Keim (1804 - 1884) aus Diedenbergen, in: Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises 1993, hilfreich gewesen. Philipp Keim war das jüngste von elf Kindern des Schullehrers Johann Henrich Keim (1757-1837, aus Langen) und der Maria Catharina Petermann, aus Oberliederbach. Eine weitere Lehrerfamilie, deren Nachkommen noch Generationen in Diedenbergen blieben, war die des aus Sachsenhausen stammenden Thomas Pomarius (+ vor 1652), wobei nicht klar wird, ob Thomas überhaupt Lehrer in Diedenbergen war. Sein Sohn Johannes wurde Oberschultheiß und Kapitänlieutenant.

Der Hauptteil des Buches umfaßt 1656 Familiennummern. In diesen werden möglichst alle Informationen des Kirchenbuches und auch aller weiteren zur Verfügung stehenden Quellen sehr übersichtlich im Druckbild dargestellt. Vor allem die Patenangaben, die, auch wenn sie unklar bleiben, wiedergegeben werden, bieten viel Material für die Weiterarbeit. Allerdings sind bei weitem nicht alle Personen, die hier genannt werden im Register erfaßt. Die Familienartikel tragen 502 Fußnoten-Zeichen, die S. 605-609 in Kleinstdruck die zusätzlichen Quellen, die für die Familienartikel verwandt wurden, auflisten. Dem entspricht auch ein umfangreiches Quellen und Literaturverzeichnis.

Die vom Verf. selbst konzipierte Datenbank, die dem OFB zugrunde liegt, ermöglicht vielfältige und präzise Statistiken und Grafiken und mit Beispielen gespickte Angaben zur Bevölkerungsgeschichte (Familiengröße, Tod im Kindbett, Mehrlingsgeburten, Findelkinder, Kindersterblichkeit, 'Hochzeitsmonate', Heiratsalter von Männern und Frauen bei der Erstehe in verschiedenen Zeitabschnitten, Krankheiten, Todesursachen, Unfälle, Kriminalfälle). Von den unehelichen Kindern wurde bereits der Spurius des Oberforstmeisters von Rohr in Idstein genannt. Ähnlich ist der Fall auch bei Nr. 1623 gelagert. Hier war Maria Elisabetha Nieß in Diensten des Hessen-Darmstädtischen Landcommissarius in Rüsselsheim Philipp Ernst Zimmermann (1684-1762) und ist "von ihm verführt worden". Die Tochter Maria Catharina ist im Oktober 1745 geboren und hat bis 1808 in Diedenbergen gelebt.

Dankenswerter Weise hat der Verf. die Möglichkeiten seiner Datenbank auch genutzt, um der Frage nach zu gehen, wieviele Einwohner Diedenbergen tatsächlich jeweils hatte. Das Modell, das er hierzu vorstellt, sei zur Nachahmung empfohlen. Er zeigt beispielsweise, daß zwischen 1750 und 1850 nie mehr als 5 Personen im Ort lebten, die mehr als 80 Jahre alt waren. Allerdings finden sich unter Tab. 4.3 die 15 Einwohner mit dem höchsten Alter, alle über 90 Jahre alt, zehn Frauen, fünf Männer. Die Verwendung der Vornamen entspricht derjenigen in anderen Orten. Für die Vererbung der Vornamen "Caspar" und "Schweickhard" gibt es Stammbaume. Auch die geographische Breite der Herkunft birgt keine Überraschung, es sind in aller Regel die Orte des Ländchens. Die Kinder der Pfarrer blieben nicht im Ort und nur in selten Fällen ergaben sich für sie Ehen vor Ort, so heiratete Henrich Andreas Pilger 1734 die Tochter des Kastenmeisters Johann Jacob Kleber. Doch die Ehe blieb kinderlos. Da Diedenbergen an einer Straße von Mainz Richtung Frankfurt lag, kommen manche durchreisenden Personen vor. 1728 ließ der Orgelmacher Johann Georg Ratz einen Sohn taufen. Zu den Fremden gehören auch die Besitzer des Hanauischen Hofgutes: die Geispitzheim, der Reichsjurist Joachim Hagemeier, die Hamm in Frankfurt am Main. 1764 wurde das Gut versteigert.

Sehr wichtig für alle Forscher im 'Ländchen' sind die Auflistung und reichhaltigen Auswertungen der Quellen. Aus dem Kirchenbuch aus dem Jahr 1726 findet sich sogar eine genealogische Skizze zu einer Verwandtenheirat Klein-Kleber. Die Listen der Tabellen berücksichtigen unter B weiter u.a. die Schultheißen (aus den Familien Kegel, Kautze, Rode, Weidlich, Diedrich, Weber, von Eichen, Rübenkönig, Pfannkuchen, Peltzer, Kleber (9 mal), Weber, Kahl, Kettenbach, Groß, Koch, Müller, Schlüter, Wenger, Rohr und Essig), die Pfarrer, Lehrer, Kastenmeister, die Doppelhochzeiten von Geschwistern, die Rekruten von 1807/1808, die Auswanderer, die gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Aber dies ist nur eine Auswahl. Diese Zusammenstellung unterstreicht noch einmal den ungewöhnlichen Reichtum an personengeschichtlich-genealogisch-prosopographischem Material, der in dieses Ortsfamilienbuch eingearbeitet wurde.

Lupold von Lehsten, in: Hessische Familienkunde Bd. 39, 2016, Sp. 52-54.

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